Debby war im Slum in Prishtina und berichtet davon in einem Tagebucheintrag:

20. Oktober: TAG 17

Heute Morgen ging es Shelly immer noch nicht viel besser, deshalb ist sie zu Hause geblieben, während ich alleine zur Gemeinde gegangen bin.
Nach der morgendlichen Devotion (Andacht mit vielen Hauptverantwortlichen aus der Gemeinde) bin ich mit Rita und Vjollca zum RAE Roma Zentrum gefahren.
Im Auto gab es dann einen Mix aus Albanisch, Englisch und Deutsch. Rita und Vjollca haben teils auf Albanisch geredet, mit mir dann auch auf Englisch und mit Vjollca habe ich Deutsch geredet. Sie hat selber gut 20 Jahre in Deutschland gelebt und übersetzt auch oft für uns!
Die Kinder, die dort hinkommen, um ihre Hausaufgaben zu machen, haben sich sehr gefreut, mich wieder zu sehen. Mit einem Jungen habe ich dann noch Papierschachteln gebastelt. Wir sind dann zu dritt wieder zu dem leckeren Restaurant gefahren, in dem es total geniale Sandwichs gibt. Heute habe ich Tuna ohne Käse und Zwiebeln probiert und es war echt richtig köstlich!
Danach mussten wir noch ein paar Dinge für das Ladys Meeting besorgen. Diese habe ich dann auch noch fertig vorbereitet und währenddessen viel geholfen. Wir haben aus Filz Haarreifen gebastelt. Aus unterschiedlich herbstlichen Farben wurden Blätter ausgeschnitten und dann zusammengenäht. Dies konnte dann im Anschluss an einem Haarreif befestigt werden.

Nach dem Aufräumen sind wir drei mit einem weiteren Co-Worker in den Slum der Roma gefahren, da wir dort bei einer Familie, aus der zwei Jungs regelmäßig zum RAE Zentrum kamen, Klamotten vorbeibringen wollten.
Auf der Fahrt hat Vjollca mir noch einiges zu der Geschichte vom Kosovo erzählt. Der Name bedeutet übrigens ‚Land der Raben‘; das kommt daher, dass als die Soldaten im Krieg starben, die Raben kamen, um die Kadaver zu fressen. Diese Raben sind bis heute noch in Scharen zu finden.
Als wir nach Fushë Kosova (so heißt der Teil von Priština, in dem auch der Slum ist) reingefahren sind, sah alles noch wie ein normales Viertel aus. Doch dann fuhren wir weiter rein und die Lebensumstände verschlechterten sich sichtlich!
Und dann hab ich schon den Klumpen im Hals gespürt.
Die Häuser waren runtergekommen, überall lag Dreck und die Klamotten der Leute dort waren zerfetzt und schmutzig. Natürlich gibt es noch schlimmere Bedingungen für manche Menschen auf der Welt, aber für mich war es das erste Mal in einem Slum oder überhaupt in solch einer Gegend!
Es war ein sehr beklemmendes Gefühl. Wir mussten zwischenzeitlich nach dem Weg fragen und ich hatte eine üble Vermutung, dass es das Haus direkt vor uns war. Es war eingezäunt und stand inmitten einer großen Wiesenfläche.
Ich hab inständig gehofft, dass es bitte nicht dieses Haus ist, doch meine Befürchtung wurde wahr. Es war das ‚Haus‘, welches an einer Stelle schon gar kein Dach mehr hatte. Man sah schon, dass die Fenstergläser an sich nur noch halb vorhanden waren und die restlichen waren fast alle eingeschlagen worden. Die Türen waren nur notdürftig angebracht.
Die Wiese rundherum diente anscheinend als Müllhalde!
Als wir dort ankamen, stürmten schon die beiden Jungs uns entgegen und begrüßten uns überschwänglich und auch wenn sie mich nicht kannten, wurde ich mit einer festen Umarmung in Empfang genommen.
Dann lud uns der Vater zu ihnen ins Haus ein. Dieses bestand aus vielleicht 4 oder 5 Sofas. Ein paar Stofffetzen hingen als Raumtrenner an einer Leine. Ansonsten war der vordere Raum kahl. Ich vermute die zwei anderen Räume waren auch nicht besser. In einem der hinteren Zimmer sah man noch eine Frau, die eine Kinderwiege hin und her schaukelte, in der ein schreiendes Baby lag.
Wir wurden dann von der gesamten Familie herzlich begrüßt und ich musste schon mit den Tränen kämpfen.
Die beiden Jungs liefen in dem eigentlich komplett offenen Raum ohne Socken herum. Ansonsten hatten sie noch eine Hose an. Der eine trug unter seiner dünnen Stoffjacke noch ein Shirt. Der andere besaß noch nicht mal ein Shirt.
Die beiden kleinen Jungs hatten früher Unterstützung bei den Schulaufgaben bekommen, als sie noch zum RAE Roma Zentrum kommen konnten. Doch jetzt kann ihnen keiner helfen, da der Vater nie schreiben oder lesen gelernt hat. Die Mutter kann nur noch ein ganz kleines bisschen sehen.
Sie sind auf sich alleine gestellt!
Zur Schule gehen sie auch nicht mehr regelmäßig, da sie zu Hause helfen müssen!
Nach einer kurzen Unterhaltung gingen wir zurück zum Auto, um die Kartons zu überreichen. Es waren zwei mit Klamotten und einer mit Lebensmitteln.
Die Augen des Mannes strahlten, als er die Kartons entgegen nahm. Es war nicht gerade viel, was wir ihnen geben konnten, aber für sie war es unvorstellbar viel!

Als wir dann im Auto saßen, flossen bei mir auch schon die Tränen. Länger konnte ich mich einfach nicht zusammenreißen. Rita ging es so wie mir.
Vjollca erklärte mir dann, dass die Familie früher in der Nähe vom Zentrum gewohnt hatte. Dort sind sie rausgeschmissen worden. Sie sind nur rausgeschmissen worden, da sie Roma sind. Außerdem wohnt bei ihnen jetzt noch der Neffe des Vaters.
Seine beiden Eltern sind sehr kurz hintereinander und ganz plötzlich verstorben.

Es tat einfach weh, zu sehen, wie diese Menschen dort wohnen und leben müssen. Am liebsten hätte ich ihnen noch mehr Klamotten gegeben oder Essen oder einfach Geld. Aber das ändert ihre Situation nicht auf Dauer.
Außerdem gibt es noch Hunderte andere Familien, die das gleiche Schicksal teilen!
Ihnen muss ja eigentlich auch geholfen werden.
Doch Hilfe kommt hier einfach viel zu knapp!

Als wir dann Rita und den Co-Worker nach Hause gefahren hatten, sind Vjollca und ich weiter zur Gemeinde. Wir haben uns noch weiter unterhalten und Tee getrunken. Ich musste mich auch erst mal sammeln und das Ganze ein wenig verarbeiten.
Beim Prayer Meeting sind wir zwei dann gemeinsam die einzelnen Gebetsstationen durchgegangen, an denen für einzelne Bereiche innerhalb der Gemeinde gebetet wurde. Wir haben gemeinsam geweint, uns gemeinsam gefreut und sehr, sehr viel gemeinsam gebetet. Auch für die Roma Familie.
Dieser Abend tat uns beiden wirklich gut!
Es hat die Beziehung zwischen mir und Vjollca weitergebracht und vertieft.